Zuletzt aktualisiert: April 2026
Ich kenne diesen Moment. Eine Frau schickt mir vor unserem Gespräch einen Link zu ihrem Inspirations-Board. Dreißig Pins. Dreißig verschiedene Websites. Alle schön. Alle unterschiedlich. Keine davon sie.
Das ist kein guter Ausgangspunkt für eine Website. Das ist ein Ausgangspunkt für eine Website die wie dreißig andere aussieht und nach keiner davon.
Auf einen Blick: Inspiration ist nicht Strategie. Wer eine Website nach Inspirationsbildern baut, baut die Ästhetik anderer Marken auf die eigene. Das Ergebnis ist ein Auftritt der nirgendwo wirklich hingehört. Kathrin Pyplatz zeigt warum Pinterest-Boards die falsche Grundlage für Website Design sind und was stattdessen funktioniert.
Inspiration ist nicht das Problem. Das Problem ist wenn Inspiration die Strategie ersetzt.
Was Pinterest-Boards wirklich zeigen
Ein Pinterest-Board zeigt was dir gefällt. Nicht was zu dir passt. Nicht was deine Zielgruppe anspricht. Nicht was dein Preisniveau kommuniziert. Was dir ästhetisch gefällt.
Das sind verschiedene Dinge.
Was dir gefällt ist subjektiv und veränderlich. Was zu deiner Marke passt ist strategisch und stabil. Wer von Ersterem ausgeht, baut einen Auftritt der sich mit deinem Geschmack verändert. Wer von Letzterem ausgeht, baut einen Auftritt der mit deiner Positionierung wächst.
Ich sage das aus eigener Beobachtung: Die Frauen die mir Pinterest-Boards schicken, schicken mir oft nach einem Jahr einen neuen. Weil sich ihr Geschmack verändert hat. Weil sie neue Accounts entdeckt haben. Weil der alte Auftritt sich nicht mehr richtig anfühlt.
Geschmack altert. Identität nicht.
Das Inspirations-Kopier-Problem
Hier ist was passiert wenn Inspiration die Grundlage des Designs wird.
Die Designerin schaut sich die Pins an. Sie extrahiert daraus eine Ästhetik. Farben die ähnlich sind, ein Layout das einem der Pins nahekommt, eine Stimmung die die Gesamtheit der Bilder suggeriert.
Das Ergebnis sieht gut aus. Es hat sogar Kohärenz, weil die Designerin aus dreißig Pins eine visuelle Sprache destilliert hat.
Aber es zeigt nicht die Frau dahinter. Es zeigt die Schnittmenge ihrer Inspirationsquellen. Und die Schnittmenge von dreißig Websites die alle schon existieren, ist per Definition nicht einzigartig.
Ich habe Auftritte gesehen die ich auf Anhieb drei verschiedenen Designerinnen zuordnen konnte, nicht weil die Kundinnen dieselbe Persönlichkeit haben, sondern weil dieselben Inspirationsboards zu denselben ästhetischen Entscheidungen geführt haben. Wie das Einheitsbrei-Problem im Coaching-Markt entsteht ist das dieselbe Logik.
Was stattdessen der richtige Ausgangspunkt ist
Nicht ein Inspirations-Board. Fragen.
Wer bist du? Was soll jemand fühlen wenn er zum ersten Mal auf deinen Auftritt trifft? Welche Preisklasse soll kommuniziert werden? Was ist dein Standpunkt zu deinem Fachgebiet? Wer ist die Frau für die du arbeitest und was erlebt sie gerade?
Die Antworten auf diese Fragen formen eine visuelle Sprache die einzigartig ist. Nicht weil sie exotisch ist. Weil sie von einer echten Person mit einer echten Geschichte und einer echten Haltung kommt.
Erst wenn diese Grundlage steht, kann Inspiration sinnvoll eingesetzt werden. Nicht als Blaupause sondern als Referenz. Nicht „so soll es aussehen“ sondern „diese Stimmung trifft etwas von dem was ich meine“.
Das ist ein fundamentaler Unterschied im Designprozess. Wie Markenidentität als Fundament entwickelt wird zeigt woher diese Grundlage kommt.
Wann Inspiration sinnvoll ist
Ich sage nicht dass Inspiration wertlos ist. Sie ist wertvoll wenn sie am richtigen Punkt im Prozess kommt.
Nach der Strategiephase, wenn klar ist wer du bist und was dein Auftritt kommunizieren soll, kann Inspiration helfen die visuelle Richtung zu konkretisieren. Ein Bild das eine Stimmung trifft. Eine Typografie die zur Persönlichkeit passt. Eine Farbwelt die das strategische Ziel unterstützt.
Inspiration als Verfeinerung einer klaren Grundlage ist sinnvoll. Inspiration als Ersatz für eine Grundlage ist die falsche Reihenfolge.
Der Test: Wenn du auf ein Inspirationsbild schaust und denkst „das gefällt mir“, ist das Geschmack. Wenn du schaust und denkst „das trifft wie ich wahrgenommen werden will“, ist das Strategie.
Nur Letzteres ist ein guter Ausgangspunkt für dein Website Design.
FAQ
Warum sind Pinterest-Boards keine gute Grundlage für Website Design? Weil sie zeigen was dir gefällt, nicht was zu deiner Marke passt. Geschmack ist subjektiv und veränderlich. Eine Marke die auf Geschmack basiert verändert sich mit dem Geschmack. Eine Marke die auf Identität basiert entwickelt sich mit dem Business. Inspiration ist sinnvoll als Verfeinerung einer klaren Grundlage, nicht als Ersatz dafür.
Was ist der richtige Ausgangspunkt für Website Design? Fragen statt Bilder. Wer bist du, was soll jemand fühlen wenn er deinen Auftritt trifft, welche Preisklasse soll kommuniziert werden, wer ist deine Zielgruppe. Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, hat Design eine Grundlage die nicht nach einem Jahr wieder falsch ist.
Kann ich trotzdem Inspiration nutzen? Ja, aber an der richtigen Stelle. Nach der Strategiephase als Verfeinerung: Ein Bild das eine Stimmung trifft, eine Typografie die zur Persönlichkeit passt. Nicht als Ausgangspunkt sondern als Konkretisierung von etwas das bereits klar ist.

